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..... wir hatten damals auch Angst: (v. Heinz Kerner)

 

Vor fast genau 100 Jahren, im Frühjahr 1910, befand sich die Welt im Kometenfieber. Die Rückkehr des Halleschen Kometen stand bevor und wie immer bei solchen Ereignissen ging mit der Begeisterung für den Kometen auch die Furcht um. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Es gab aber wohl keine andere Kometenerscheinung, zu der es so viele humorvolle Beiträge gab, die die Begeisterung und die Angst der Menschen zum Thema hatten. In Form von Bildern, Zeichnungen, Karikaturen, Zeitungsartikeln und –anzeigen, Postkarten, und, und, und. Es gibt nun schon einen verständlichen Grund dafür, warum das damals so ausgeprägt war, aber der allein kann es nicht gewesen sein. Ich glaube die Menschen damals, wenige Jahre vor Beginn des 1. Weltkriegs, waren einfach nur gut drauf. Vielleicht wird der Leser diese Einschätzung teilen -  einige dieser Kometenbilder der etwas anderen Art sollen nachfolgend gezeigt werden.

 

Abb. 1: Komet Halley und die Planeten. Postkarte von 1910.

 

Wenn ein solch grober Geselle durch das Sonnensystem poltert, dann ist nun mal mit Zerstörung und Leid zu rechnen, wie in Abb. 1 dargestellt: Neptun, links oben, ein Trümmerfeld. Uranus, darunter, schwer angeschlagen, Schädelbruch so wie es aussieht. Jupiter, der König der Planeten, sowie Erde, Saturn und ein paar von den Kleinen sind auf der Flucht, die Venus ist in Tränen ausgebrochen, typisch Frau, einzig der Mars mit Pickelhaube und Säbel bewaffnet, will sich dem Kometen entgegenstellen, wird von diesem aber gar nicht beachtet. Nettes Detail am Rande: die beiden kleinen Marsmonde in Bildmitte am oberen Rand tragen auch schon Pickelhauben. Und was sonst noch alles passieren kann, wenn ein heller Komet am Himmel steht, zeigt in Abb. 2 eine Geschichte aus Frankreich ...

 

 

Abb. 2: Bildergeschichte aus Frankreich, von links nach rechts unterschrieben mit: „vorher, während, nachher“.

 

Einem solchen Treiben musste entgegen getreten werden, am besten durch eine deutsche Amtsperson, vor der sogar Kometen Respekt haben. „Bis hierher und nicht weiter“ (Abb. 3), und vor Schreck ist dem Halley der Spazierstock aus der Hand gefallen. Interessant auch diese Theorie zur Entstehung von Kometenschweife: Die schmöken, die Burschen! Der Maler Arthur Thiele schuf  gleich eine ganze Serie von Bildern zum Thema „Der Komet kommt!“, die dann als farbige Postkarte aufgelegt wurden. Die Grundstimmung seiner Bilder ist stets die gleiche, allgemeines Chaos und Durcheinander und immer mitten drin ein völlig überforderter dicker Polizist mit weißen Handschuhen und Pickelhaube. Bei Sammlern und Händler alter Postkarten sind diese immer noch zu bekommen. Aber nicht nur der einfache Mann, auch die Astronomen bekamen ihr Fett ab, wie in Abb. 4 zu sehen ist. Dieser Kometenfreund von damals war offensichtlich bereit, für einen guten Blick auf den Kometen Kopf und Kragen zu riskieren.

 

 

 Abb. 3: „Bis hierher und nicht weiter“. Postkarte von 1910.

 

 

Abb. 4: Zeichnung „Beobachtung des Kometen“. Man beachte, wie detailgenau Fernrohr und parallaktische Montierung dargestellt sind. Der Zeichner muss sich mit diesen Dingen ausgekannt haben.

 

 

Was die Kometenfurcht betrifft, so standen die Dinge dieses Mal aber wirklich schlecht. Die Astronomen hatten nämlich heraus gefunden, dass die Erde am 19. Mai den Kometenschweif kreuzen würde. Zwei Jahre zuvor war im Schweif des Kometen Morehouse spektroskopisch Cyangas nachgewiesen worden - Blausäure mit anderen Worten. Der Sachverhalt war damit klar: Der Weltuntergang stand bevor! Was konnte man noch tun? Sich mit Kometen-Whisky betrinken (den gab es tatsächlich in Amerika) und sich in das unvermeidliche Schicksal fügen? Oder sollte man ein letztes großes Fest feiern? Kometenpartys waren damals auf der ganzen Welt beliebt; keine Beobachtungsveranstaltungen, so wie wir diesen Begriff heute verstehen, sondern rauschende Feste. Ein solches Fest gab es auch in der Hamburger Flora. Das Programm des Abends ist in Abb. 5 nach zu lesen.

 

 

Abb. 5: Programm der Hamburger Flora zum Weltuntergang.

 

 

In einem Artikel der New York Times wurde empfohlen, sich ein U-Boot zu mieten und ab zu tauchen. Nun fragt man sich, was nützt da noch ein U-Boot, wenn die Welt untergeht? Die Antwort findet sich im Text. Cyangas ist nicht wasserlöslich und wenn man mit ausreichend Proviant versorgt drei Tage abgetaucht bleibt, gehört einem danach die Welt, weil ja niemand sonst mehr da ist. Sollte die Menschheit dennoch überlebt haben, könnte man sich aber auch Spott und Gelächter ausgesetzt sehen. Oder sollte man auf den Mond, unserem nächsten kosmischen Nachbarn fliehen? Der Gedanke war sehr verbreitet und das Problem, dort hin zu gelangen, beflügelte die Phantasie. Der Praktiker sagt sich, ganz einfach, mit einer langen Leiter (Abb. 6). Und für 50 Pfennige pro Person eine sehr preiswerte Möglichkeit, zum Mond zu kommen - wenn das die Amerikaner vor Beginn des Apollo-Projekts gewusst hätten! Wer es eiliger hatte, konnte sich auch mit einer Kanone auf den Mond schießen lassen (Abb. 7). Schnelle Beförderungen waren aber immer schon ein wenig teurer.

 

 

Abb. 6: Rettungsleiter zum Mond. Postkarte von 1910.

 

 

Abb. 7: Schnellste Beförderung zum Mond. Postkarte von 1910.

 

 

Der 19. Mai ging schadlos vorüber, der Weltuntergang blieb aus, und so konnte man sich  wieder sorglos der weiteren Betrachtung des Kometen hingeben (Abb. 8). 

 

Abb. 8: Im wunderschönen Monat Mai... Postkarte von 1910.